Der Algorithmus und ich (7): Künstliche und andere Intelligenzen

(Zuerst erschienen in: Diaphanes Magazin 8/9, 2019 – for English version see link below)

Facebooks Bilder-Waschtrommel erinnert mich derzeit an meine erste China-Reise vor einem Jahr. Ich war beeindruckt: So viele Hochhäuser, so viele Menschen, so viel Technologie! Und so tolle Nudelsuppen! Manche Eindrücke deponierte ich auf meiner Facebook-Timeline. Dies, obwohl Facebook durch Chinas Great Firewall gesperrt ist. Die Gucklöcher in der Mauer, so genannte VPNs (virtual private networks), sind offiziell sogar für Ausländer verboten. Doch wehe, wenn man die kleinen Helfer nicht vor dem Grenzübertritt auf seinen Geräten installiert hat: Dann wird der Aufenthalt ohne solide Chinesischkenntnisse anspruchsvoll. Denn Google samt Maps ist in China ebenso gesperrt wie die gesamte Facebook-Twitter-Wiki-Welt und weitere Keimherde der freien Meinungsbildung. Chinesen sind ans Alibaba-Baidu-Universum gebunden. Sicher, die smarteren haben alle VPNs. Aber die Kommunikation läuft hauptsächlich via WeChat, die (ausgebautere) chinesische Variante von WhatsApp. Im Westen benutzt WeChat nur, wer Kontakte mit Festlandchinesen halten will. Der Zensor liest mit.
Google ist in China seit seinem Verbot 2014 eine heiße Kartoffel. So war ich verblüfft, in Shanghai auf dieses Google-Logo zu treffen, vor dem die chinesische Jugend scharenweise für Selfies posierte. Es stand vor einem der neuen, zumeist privaten Museen für Gegenwartskunst, dem Long Museum Westbund. Westbund ist ein etwas steriler Vorzeige-Stadtteil mit abgeriegelten Luxus-Hochhausanlagen, neuen, menschenleeren Boulevards, Flusspromenade zum Joggen und großem Audi-Händler. Überall riecht es nach Aufbruch und Boom.


Vor dem Long Museum stand die chinesische Selfie-Jugend dann Schlange. Denn dort fand die World Artificial Intelligence Conference WAIC statt. Leider war das Museum dafür geräumt worden. Meine lange Anreise war für die Katz gewesen. Obwohl, nicht ganz. Denn ich lernte einiges: In China kann ein Kunstmuseum für ein Event einfach mal rasch leergeräumt werden. In China finden junge Menschen Google cool, Verbot hin oder her. Außerdem braucht es für eine World Artificial Intelligence Conference in China offenbar keine Westler. Ich rätselte, wofür das Wort »world« stand. Vielleicht für »Weltbeherrschung« durch Überwachung mit AI? Meine chinesischen Freunde, so aufgeklärt sie sich geben, hören sowas ungern. Wie arrogant von den Westlern, Chinesen für digitale Gefängnisinsassen zu halten! Eine üble Beleidigung! Die Traumata aus der Kolonialzeit sitzen tief und werden, so mein Eindruck, gepäppelt. Schließlich lernte ich sogar die offizielle Sprachregelung kennen. »Überwachung«? Nein. Wir haben es hier nur mit der »fortgeschrittenen chinesischen Technologie« zu tun. Vordergründig ähnelt sie den keinesfalls harmlosen Algorithmen von Google und Facebook. Am Ende jedoch zählt, wer die Instrumente mit welcher Autorität in der Hand hält – und welche Möglichkeiten es gibt, sich dagegen wirkungsvoll zur Wehr zu setzen.

PS: Eine laufend aktualisierte Liste der in China gesperrten Websites bietet: https://de.wikipedia.org/wiki/Gesperrte_Websites_in_der_Volksrepublik_China
Mark Zuckerberg findet trotz vehementer Kritik an seiner Datenkrake, das FB im Vergleich mit dem aktuellen chinesischen Angebot noch das kleinere Übel ist: https://www.bloomberg.com/news/articles/2019-10-17/zuckerberg-warns-china-s-censored-internet-could-still-win-out. Die FB-Aktie dümpelt vor sich hin, Tendenz abwärts.

Diaphanes Magazin 8/9 2019 English Version